In den Anfangsjahren unserer Gesellschaft ist viel darüber geredet und geschrieben worden. Was bedeutet „Blaues Viertel“, was sagt es aus?
Es gibt darüber verschiedene Versionen. Uns scheint folgende der Wahrheit am nächsten zu kommen:
Neben den sonst vorwiegend katholischen Industriellen gab es auch einige wenige evangelische Unternehmer in Beckum, die in der damaligen Zeit Zementwerke erbauten. Im Gegensatz zu den „Schwarzen“ waren sie die „Blauen“, das „Blaue Viertel“.
Eine nicht ganz ernst zu nehmende Version dagegen ist folgende: Zementindustrie gab es schon immer in Beckum, auch im Norden der Stadt. Wo aber „Steinkühler“ und „Zementköppe“ waren, da stand der Fusel immer hoch im Kurs. Und ganz von selber meinte man später, wenn von den „Blauen“ gesprochen wurde, die wackeren „blauen Steinkühler“, wobei „blau“ ein Zustand gewesen sein soll. Man sprach davon, dass es ein ständiger war. Dementsprechend nannte man den Bezirk, in dem die Steinkühler wohnten, „Blaues Viertel“.
Heute ist selbstverständlich alles anders. Mit dem Namen war auch eine Menge Streiterei verbunden, denn auch die KG „Ei kike da, Westfalia" beanspruchte ihn für sich. So erschien bereits 1936 folgendes Schreiben in der Rosenmontagszeitung:
Beckum, den 27. Januar 1936
An den Vorstand der Karnevalsgesellschaft Beckum
Im letzten Jahr bezeichneten sich die Einwohner des Nordenviertels als aus dem „Blauen Viertel“ stammend.
Die Bezeichnung „Blaues Viertel“ zu tragen, hat jedoch nur das Viertel an der „Westfalia“. Schon im Jahre 1895 wurde diese Bezeichnung in unserem Viertel geführt. Ein so hohes Alter wird das Nordenviertel nicht nachweisen können. Um Irrtümer zu vermeiden, bitten wir, das Nordenviertel anzuweisen, den Namen „Blaues Viertel“ zu unterlassen.
Wir nehmen von dem Namen „Blaues Viertel Westfalia“ nicht Abstand.
Für alle Einwohner des „Blauen Viertels Westfalia“ Unterschrift
Kommentar der Rosenmontagszeitung:
Wir unterbreiten hiermit den Streit der gesamten Beckumer Öffentlichkeit zur Entscheidung. Wir machen unsererseits den Vorschlag, die beiden blauen Viertel zu einer „Blauen Hälfte“ zusammenzuschmeißen
Auch in den fünfziger Jahren kam es immer wieder zu kleinen und größeren Meinungsverschiedenheiten, die aber närrisch gelassen ausgetragen worden sind. So wurden Leserbriefe in der Zeitung veröffentlicht, in denen jeder der Präsidenten der Gesellschaften „Ei kike da, Westfalia“ und unserer die Namensgebung „Blaues Viertel“ für sich erstreiten wollten.
Selbst die Rosenmontagszeitung von 1952 befasste sich mit diesem heiklen Thema:
Blaues Viertel liegt am Pisswinkel!
Der alte Streit der „Blauen Viertel“ geht unentwegt weiter. Es handelt sich hierbei immer noch um die Frage, ob das richtige „Blaue Viertel“ an der Stromberger oder Oelder Straße liegt.
Der Hofarchivar von Serenissimus überließ uns eine alte Karte aus dem Siebenjährigen Kriege, die von den Franzosen hinterlassen wurde. Wir bringen einen Ausschnitt, der den betreffenden Teil des Beckumer Stadtfeldes zwischen Oelder und Stromberger Straße und einen Teil der damals noch mauer- und turmbewehrten Stadt zwischen Nord- und Osttor zeigt. Das „Blaue Viertel“ lag danach schon um 1760 mitten zwischen diesen beiden Straßen, wie wir das schon immer vermutet haben, und zwar in der Nähe es uralten „Pisswinkels“. Die Aufschriften der Karten sind in französischer Sprache abgefasst und, zumal für alte Landser, leicht verständlich.
Interessant ist der kleine Kringel mitten auf dem Markt bei der „Mairie“ (Rathaus).
Damit kann nur der „Beckumer Pütt“ gemeint sein.
Heute sind all die Streitereien vergessen, und beide Gesellschaften feiern Seite an Seite Karneval.
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